Wenn wir unser Gesicht mit dekorativen Mitteln verschönern, dann tun wir es intuitiv und recht unauffällig. Wir denken selten über den Ursprung von Körperschmuck nach, obwohl er so alt wie die Menschheit ist und ganz interessante Ausprägungen in den jeweiligen Kulturen und Epochen kennt. Allenfalls lassen wir uns von selbst bestimmten Modevorbildern in unserem Geschmacksempfinden leiten.

Seit meinem Studium begann ich mich dafür zu interessieren, aus welchen Beweggründen heraus Menschen ihren Körper selbst gestalten, verändern und neu inszenieren möchten. Die Intention der Körperkunst lässt sich wie folgt kurz zusammenfassen:

Im Gegensatz zu den Tieren kann der Mensch sich selbst erkennen und sich bewusst verändern. Besondere Aufmerksamkeit erhält unsere Haut, da sie uns als mehr oder weniger schöne Hülle von unserer Umwelt abgrenzt. Und umgekehrt ist sie der sichtbare Teil von uns. Mit unserem gesamten Erscheinungsbild und unserer Körpersprache geben wir Auskunft über unser Selbstbewusstsein, unsere Stimmung und unsere eigene Kreativität.

Körperschmuck weist auf die soziale Stellung, die jeweilige Lebensphase, den privaten, wirtschaftlichen oder beruflichen Erfolg einer Person hin. Früher mehr denn heute diente das Schmücken der Haut oft magischen, mystischen und religiösen Zwecken, wurden Herrschafts- und Gesellschaftsstrukturen durch die Körperkunst gefestigt oder auch in Frage gestellt.

Hierzu ein paar Beispiele aus unserem heutigen Leben: Punks stylen sich schrill und grell, weil sie sich als Gegenkultur zur Wettbewerbsgesellschaft verstehen, die gewisse Anforderungen an das Äußere stellen. Ihre bewusste Abgrenzung ist eine Antwort auf die gesellschaftliche Ausgrenzung.

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Während eines WM-Fußballspiels wird die Stimmung der Fans dadurch nochmals gesteigert, dass sie ihre Mannschaft und Gruppenzugehörigkeit durch bunte, witzige Kostüme und das Schminken in den Farben ihres Landes demonstrieren.

Während der Karnevalszeit werden die eigene Phantasie und die unerfüllten Wünsche enthüllt, indem der Körper anders gekleidet und das Gesicht entfremdet wird.

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Hierzu noch ein Gedankenexperiment. Stellen Sie sich vor, Sie würden an einem warmen Sommerabend allein an einem schönen Strand im warmen, feinkörnigen Sand sitzen. Im
Rahmen einer Naturmeditation würden Sie versuchen, sich ganz und gar EINS mit der Natur zu fühlen. Sie achten nur noch auf das sanfte Rauschen der Wellen, das wie Ihr eigener Atem ist, der langsam und beständig fließt.
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Unbemerkt streuen Sie sich den warmen Sand auf die noch feuchte Haut bis Sie aussehen wie eine helle, im Sand sitzende Skulptur. Immer mehr verwischen Sie dadurch die Grenze zwischen der Sie umgebenden Natur und Ihnen.
Ich habe bewusst diese intensive eigene Erfahrung mit einfließen lassen, da ich der Auffassung bin, dass wir in der westlich-materialistischen Welt leider nicht mehr das Körperverständnis und die Verbundenheit mit den Pflanzen, Tieren und Menschen, der Erde und den Naturgewalten haben wie unsere Vorfahren. Es lohnt sich, aufmerksam, mit allen Sinnen, seine Umwelt zu beobachten und achtsam mit sich und anderen umzugehen.

An dieser Stelle möchte ich mit einem schönen Zitat von Prof. Ernst Fuchs das Buch GESCHMÜCKTE HAUT empfehlen: „Der magische, künstlerische Umgang mit bildnerischen Mitteln ist meiner Anschauung nach der Anfang der Religion, Magie, Liturgie, Kunst und Menschenwelt im Allgemeinen. Fast alle Traditionen sind noch immer lebendig vorhanden, werden gepflegt, durchlaufen Moden und erfahren vielfältige Veränderungen.“ Individuelle Körpergestaltung ruft zum Teil heftige Reaktionen hervor, zustimmende wie auch ablehnende. Das lässt sich sehr gut an der Jahrtausende alten Geschichte des Tätowierens aufzeigen, aus dem sich in den vergangenen 50 Jahren die Pigmentierkunst des Permanent Make-up entwickelte.

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Handbemalung mit Henna
(Indien)

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religiös-rituelles Tattoo
(Thailand)

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kleines, modernes Rückentatto
(Deutschland)