Das Wort tätowieren stammt vom Begriff „tatauieren“ ab. Tatau bedeutet in Tahiti „Wunden schlagen“ und bezeichnet eine Verzierung des Körpers mit schwarzen bzw. farbigen Punkten, Linien und Spiralen. Ebenso alt und über alle Kontinente verbreitet ist die Narbentatauierung, bei der die Haut durch Einschnitte, die buckelig-narbig verheilen sollen reptilähnliche Muster erhält. Diese Körperverzierungen werden vor allem von Menschen mit sehr dunkler Haut bevorzugt, da die in dunkelbrauner und schwarzer Haut eingearbeiteten Pigmente kaum Wirkung erzielen.

images-seite-Ttowierungen-iStock_000015828743Small_800x1000_0_550x800

Zeremonielle Muster versetzen den Menschen aus dem profanen Alltag in die geistig-spirituelle Welt, verbinden ihn mit seinem Stamm oder mit seinen Ahnen, schützen vor bösen Blicken oder Geistern.

images-seite-Ttowierungen-iStock_000016926498Large_800x1000_0_550x800

Als Tatauierfarbstoff wurde früher zum Beispiel Asche oder Ruß mit Kokosölen zu einer Paste angerührt. Als Nadeln dienten Dornen, Haifischzähne, Knochensplitter, angespitzte Hölzchen. Da die Eingriffe sehr schmerzhaft waren und Reifestadien eines jungen Mannes oder einer heranwachsenden Frau kennzeichneten, entstanden die Ganzkörper-Verzierungen meist nach bestimmten Regeln innerhalb von mehreren Jahrzehnten.

Durch diese Eingriffe wurde der Körper zum Kunstwerk, zur lebenden Skulptur, die sich von der nicht veränderten Natur deutlich unterscheidet. Nur wohlhabende Mitglieder eines Stammes konnten sich diese Prozedur leisten. Die Bedeutung von Tataurierungen wandelte sich im Laufe der Geschichte mehrfach.

Der älteste Mensch, von dem wir wissen, dass er insgesamt 47 strichförmige Tätowierungen hatte, ist der 1991 im Gletscher aufgefundene gut 5000 Jahre alte „Ötzi“. Seine Körperzeichnungen dienten jedoch eher therapeutischen Zwecken als dekorativen. Man nimmt an, dass an den Markierungen eine Art Akupunktur zur Schmerzlinderung ausgeübt wurde.

Während die Tätowierungen ursprünglich den sozialen Rang seines Trägers illustrierten, wurden sie im 6. Jahrhundert in China und Japan zur Stigmatisierung von Rechtsbrechern und sozialen Randgruppen benutzt. Einigen Straftätern wurde das Schriftzeichen für „Hund“ auf die Stirn tätowiert. Andere wurden mit einem Balken auf dem Oberarm lebenslang gekennzeichnet.

Straftätowierungen benutzten auch die Römer zur Markierung von Gefangenen. Während des Nationalsozialismus wurde den Insassen der Konzentrationslager eine Häftlingsnummer eintätowiert.

Durch die Entdeckungsreisen von Tasman, Bougainville und Thomas Cook Ende des 18. Jahrhunderts ließ sich die gebildete Gesellschaft von den tätowierten Polynesiern faszinieren. Der Thaitische Prinz Omai ist mit Thomas Cook 1774 nach England gereist und hat durch seine exotischen Ganzkörpertätowierungen die Tätowier Szene in ganz Europa und Amerika geprägt. Durch die Matrosen und Weltenbummler, die japanische Seefahrermotive wie Palmen, Anker und Meerjungfrauen trugen, wurden solche Motive beliebt.

König Eduard VII war der erste Prominente, der die Tätowiertradition in Europa und Amerika wieder aufleben ließ. 1891 ließ der amerikanische Tätowierer Samuel O’Reilly die von ihm erfundene Tätowiermaschine patentieren. Sie war eine modifizierte Version von Edison’s „Autographic Printing Pen“. Mit dem fortschrittlicher werdenden Arbeitsmaterial begann ein Boom, da eine Tätowierung nicht mehr so zeitaufwendig und schmerzhaft war wie eine traditionelle Handarbeit. Die Schnelligkeit, mit der die Nadeln auf und ab gingen,erlaubten nun eine gerade, klare Linienführung, gleichmäßige Übergänge und das Ausfüllen bzw. Schattieren der Innenflächen. Samuel O’Reilly arbeitete unermüdlich, nicht nur in seinem Tatoostudio in Chinatown, New York, sondern stattete seiner elitären Kundschaft auch Hausbesuche ab.
fisch
Während die sogenannten „Schmucknarben“ bei der modernen Bevölkerung in Afrika und Asien kaum mehr erwünscht sind, erlebt die Tätowierung in Japan seit ca. 2 Jahrhunderten ihren Höhepunkt. Noch heute stammen etliche der kunstvollsten Ornamente und einige der bekanntesten Tätowierer aus Japan.
Der Islam und das Christentum verboten das Tätowieren aus Respekt vor der göttlichen Schöpfung. Das Bildungsbürgertum in Europa und Amerika lehnte es auch heute noch größtenteils ab, den Körper zum Bilderbuch des eigenen Befindens zu machen. Damit lässt sich erklären, warum es in Europa und Amerika länger dauerte, bis das Tattoo einigermaßen gesellschaftsfähig wurde.

Angeregt durch die Biker-, Rocker- und Musikszene sowie Randgruppen wie die Punks und Skinheads, lassen sich seit den 70er Jahren immer mehr Menschen aus allen Kreisen der Bevölkerung in Europa und Amerika tätowieren. Besonders kleinformatige Motive erfreuen sich großer Beliebtheit. Körperschmuck dieser Art besitzt seinen besonderen Reiz in der Intimität. Wenn diese Intimität nicht mehr gewährleistet ist, erhalten die Motive eine andere Intention.

Ganzkörpertätowierungen werden weiterhin primär von gesellschaftlichen Randgruppen getragen. Die Gründe für den Entschluss zu einer großflächigen Tätowierung sind so unterschiedlich wie die Menschen selbst: Bestätigung oder Ablehnung von Wertvorstellungen, Freude am Dekorieren mit phantasievollen farbigen Elementen, der Wunsch nach unverwechselbarer Identität.
10-iStock_000015991242Large1

Die Nachteile dieses auffälligen Körperschmucks sind jedoch unübersehbar: In der Arbeitswelt entsprechen ganzkörpertätowierte Menschen oft nicht dem Anforderungsprofil. Außerdem durchläuft jeder Mensch diverse Lebensphasen, die durch verschiedene Inhalte geprägt sind.

„Nichts ist permanent, außer der Veränderung“ wusste schon Heraklit.